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Leichtigkeit und Liebe: Warum die Entertainmenttaste nicht 24/7 funktionieren muss

„Die Leichtigkeit hat gefehlt“, dieser Satz schlägt ein wie eine Granate und niemand der:die nicht selbst schon einmal mit diesem Satz aus dem Leben einer besonderen Person verbannt wurde weiß, wie lange er uns verfolgen kann. Ich kenne mittlerweile einige Personen, die ähnliche Aussagen lange nicht verkraftet haben. Denn zunächst implizieren sie eine verdeckte Du-Botschaft und wirft die „Schuld“ der fehlenden Leichtigkeit unmittelbar auf das Gegenüber und vermittelt, dass a) jene:r nicht gut genug dafür gesorgt hat oder b) dessen Charakter schlichtweg nicht vor Leichtigkeit strotzt.
Und das sitzt.
Doch eines kann ich hiermit vorwegnehmen: weder Möglichkeit a noch b sind korrekt – auch wenn es sich erst einmal so anfühlt.

Die Illusion des Clowns der aus der Kiste springt

Leichtigkeit ist keine Taste, die jemand nach Belieben bei einem anderen Menschen drücken kann und schon springt der Clown aus der Kiste. Leichtigkeit ist erst recht kein Button, der 24/7 auf „on“ stehen muss. Darüber hinaus kann kein fühlendes Wesen auf dieser Erde rund um die Uhr Leichtigkeit versprühend durch die Gegend schweben und all diejenigen mit dem Zauberstab verzaubern, die gerade leere Herzen haben. Diese Erkenntnis führt zu Punkt Nummer Eins:

1) Leichtigkeit ist kein Commitment für das Füllen der Leere anderer

Wir sind niemandem etwas schuldig – auch wenn wir diesen Menschen noch so gern haben. Wer in sich selbst keine Leichtigkeit verspürt oder mit einem inneren Thema ein Problem hat, welches er oder sie noch nicht bearbeiten konnte (weil es vermutlich noch nicht an der Zeit war), der:die wird die Leichtigkeit auch bei keinem anderen finden. Es gibt Menschen, die zunächst so scheinen als wären sie immer vergnügt oder als würden sie permanent alles locker und easy nehmen. Aber nach einer gewissen Zeit des Zusammenlebens werden sich auch hier alte Verletzungen zeigen, Themen, die noch nicht bearbeitet wurden, verschluckte Trauer und Kränkungen. Niemand, geht ohne Rucksack durch‘s Leben. Das führt mich zu Punkt Nummer Zwei:

2) Verletzlichkeit ist nicht der Grund für fehlende Leichtigkeit

Man kann im Laufe einer Beziehung vieles unter den Teppich kehren und sich ausschließlich dem Spaß und der Ablenkung hingeben. Das funktioniert ganz gut für eine Weile. Aber irgendwann werden die Beulen unter dem Teppich so groß, dass mindestens eine:r von beiden anfängt zu stolpern. Mittlerweile liegt unter dem Teppich schon so viel nicht gefühlter Ballast, unausgesprochene Konflikte und verdrängte Gefühle, dass niemand mehr genau sagen kann, warum man immer öfter zu stolpern beginnt.

Der Preis der optimierten Leichtigkeit ist hoch. Denn schon bald kann man den anderen nicht mehr sehen, so hoch türmen sich die Beulen unter dem Teppich. Man stellt sich also das Anfangsbild vor, wie es war als man sich kennenlernte und hofft, dass es wieder so wird wie in den ersten zwei Monaten. Doch wenn man achtsam genug ist stellt man vielleicht fest, dass bereits in diese Zeit etwas Entscheidendes gefehlt hat: die Tiefe.
Und dies führt mich zum heiklen aber ehrlichen Punkt Nummer Drei:

3) Wahre Leichtigkeit entsteht durch Tiefe

Um in die Tiefe zu gelangen, müssen wir den Schmerz zulassen. Dies ist wohl für viele der schwierigste Akt des Kennenlernens. Denn bevor wir den Schmerz einander zeigen können, müssen wir uns selbst für ihn geöffnet haben. Die Welt wird von Dualismen geprägt – so kann Liebe nicht ohne Angst existieren und Leichtigkeit nicht ohne Schmerz. Um Leichtigkeit zu erleben müssen wir einander Raum geben. Jener Raum, in dem unsere schmerzvollsten Themen und tiefsten Ängste Platz haben, muss zunächst in uns selbst entstehen. Wir gelangen an diesen Ort, indem wir still sitzen und atmen und jedes Gefühl das emporsteigt sein lassen – und mit ihm die Energie, die sich im Körper ausbreitet. Sei es ein Ziehen in der Brust, ein Krampf im Bauch oder eine trockene Kehle. Als Beobachter*in gilt es, diese Körperempfindungen wahrzunehmen und sie sein zu lassen als das was sie sind: Energie.

Energie kann sich transformieren – wenn wir sie zulassen. Wir alle haben das Energieerhaltungsgesetz in der siebten Klasse im Physikunterricht gelernt: Energie kann nicht zu nichts werden, aber sie kann sich verwandeln. So kann unsere Energie des Schmerzes von gestern zur Leichtigkeit von morgen werden – indem wir die Anteile in unserem Rucksack liebevoll annehmen. Diese Selbstannahme schafft einen Raum für unsere Verletzlichkeit, für alte Wunden, für Ängste und ist wohl der schwerste Part auf den Weg zur wahren Leichtigkeit. Aber es ist der wichtigste und am Ende auch der schönste.

Leichtigkeit entsteht durch innere Räume

Wenn wir diesen Raum in uns erschaffen haben (daran angelehnt das Erlangen von Containment“ nach Peter Levine), können wir uns einem anderen Menschen in unserer Verletzlichkeit zeigen, in unserer Zartheit und schließlich in unserer Liebe. Plötzlich entsteht in unserem Gegenüber ein Spiegeleffekt. Dann ist auch er:sie fähig uns Raum für uns und unsere Schatten zu geben, mit denen wir einfach dasein dürfen.

Leichtigkeit ist demnach nichts anderes als Räume zu schaffen für Themen, die wir ohne Selbstbetrachtung unter den Teppich gekehrt hätten. Je mehr wir uns achtsam hinsetzen und gemeinsam Räume schaffen für Geschichten die uns beschäftigen, desto freier lässt es sich atmen und desto mehr Platz entsteht für die Leichtigkeit. Weil die Begegnung kein Schauspiel mehr ist, sondern durch dessen Wahrhaftigkeit eine Tiefe erlangt, die am Ende nur noch beglückt. Weil es keine Beulen mehr unter dem Teppich gibt über die man stolpern kann, sondern der Teppich flach genug bleibt um darauf zu tanzen.

 

 

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