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Zwischen Gelassenheit und dem Fluss des Lebens

Es ist nicht das im Staustehen, auch nicht das Warten in der Einkaufsschlange, in der sich ein dreijähriges Kind schreiend auf dem Boden wälzt und dahinter ein Mann einem in den Nacken hustet. Nein. Gelassenheit, tiefe, bis in jede Pore dringende Gelassenheit übt man in Lebensphasen, die einen so richtig aus der Bahn werfen. Wie die Pandemie zum Beispiel oder ein schwerer Verlust, eine Krankheit oder immer wiederkehrende Muster, aus denen es  unmöglich scheint auszubrechen. Darum soll es in diesem Text gehen: um das Gelassenbleiben in scheinbar unlösbaren Lebensabschnitten.

Wo die Gelassenheit fehlt

Fehlende Gelassenheit äußert sich in alltäglichen Momenten meist auf einer Mikroebene: wir sind dann zum Beispiel besonders störanfällig, schreiende Kinder, hupende Autos können uns an den Rand des Wahnsinns treiben. Auch diffuse Ängste und innere Unruhe kennzeichnen fehlende Gelassenheit: das nächtliche Aufschrecken oder eine plötzliche Wut, die wie ein brodelnder Vulkan jäh und unerwartet hochkocht und wir aus geringem Anlass unseren plötzlichen Ärger nach außen projizieren. Genauso könne wir, fehlt die Gelassenheit, an schwerwiegenden Lebensereignissen schneller zerbrechen: eine Pandemie wird plötzlich als Beginn des III. Weltkriegs erlebt, eine Trennung fühlt sich wie Sterben an. Dabei lassen sich durch regelmäßige Bewusstseinsarbeit Krisen wie diese einfacher überwinden.

Gelassenheit in der Philosophie

Die Stoiker erkannten bereits, dass nicht in unserer Macht stehende zu akzeptieren und keinen Anspruch darauf zu erheben, dass alles im Leben nach unseren Vorstellung laufen muss als Schlüssel zur Gelassenheit an.

Der Zen-Buddhismus übt Gelassenheit durch das Im-Moment-leben; nach Auffassung des Zen gibt es nur das Jetzt – alles im Leben kommt und geht und darf beobachtet werden – jedoch ohne die Geschehnisse zu bewerten.

Für den Philosophen Wilhelm Schmied gilt es, Ansprüche runterzuschrauben und somit weniger vom Leben zu erwarten, dies reduziert Enttäuschungen und beugt dem inneren Stress vor, dass alles jederzeit perfekt und den eigenen Ansprüchen gemäß funktionieren soll. Stattdessen müssen wir lernen, so Schmied, das Leben anzunehmen als das was es ist: unstetig.

„Du rennst und rennst und das Glück rennt hinterher“, sagte Bertold Brecht und untermauert mit diesem Zitat eben jene Allegorie unseres Anspruchs auf Glück, welches sich im permanenten Streben danach in ein hastiges Rennen transformiert, das uns am Ende alles andere als glücklich und gelassen macht.

Doch welches Rezept könnte uns wirkungsvoll und nachhaltig zu mehr Gelassenheit führen? Fünf Inspirationen sollen einen Einblick geben, wie es gelingen kann dieses Ziel zu erreichen:

 

  • Bedeutsamkeit

Fehlende Gelassenheit ist oft die Auswirkung von fehlender Bedeutsamkeit des eigenen Ichs oder auch: ein fehlender Selbstwert. Bedeutsamkeit, ist der Antagonist der Bedeutungslosigkeit, die sich manchmal, ganz leise, in bestimmten Situationen bemerkbar macht. Zum Beispiel, wenn wir plötzlich unzufrieden sind aus einem Grund, den wir nicht konkret benennen können. Manchmal hat man in einem Moment mit Freunden nicht das gesagt, was man hätte sage wollen, oder auf der Arbeit kam uns der Kollege bei einer Aufgabe zuvor.. Die Tiefe der Bedeutungslosigkeit, wo auch immer sie ihren Ursprung nahm, liegt häufig im Unbewussten. Nur durch Reflektion und wiederholender Bewusstmachung der Bedeutung des eigenen „Ichseins“ können wir uns hin zu mehr Gelassenheit transformieren. Hilfreich ist dabei, eine Liste zu erstellen mit allem was wir bereits in unserem Leben erreicht haben und was uns ausmacht. Das stärkt nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern hilft unseren Blick auf uns zu verändern, hin zu mehr Bedeutsamkeit.

 

  • Innere Stabilität

Stell dir vor in dir ist ein Stab, aus Bambus etwa. Dieser Stab verläuft vertikal vom Brustkorb bis zum Schambein und stabilisiert so deine mittlere Körperhälfte. Diese Stabilität hält dich aufrecht, was auch immer dir widerfahren mag – und wirft das Leben dich noch so sehr aus der Bahn. Nicht nur durch Imagination lässt sich dieser Stab schützen. Auch im Üben des Kommen- und Gehenlassens, des Fließens im Fluss des Lebens. Im Leben gibt es so viele Stürme, so viele Wellen, dass, wenn die eine Welle „besiegt“ scheint, bereits die nächste heranrollt.

Man kann Krisen und Probleme nicht eliminieren oder verhindern. Aber es hilft, nicht mehr gegen die Wellen zu kämpfen, sondern sich vorzustellen, von ihnen getragen zu werden. Je weniger man kämpft desto mehr Zeit hat man auf dem Rücken im Wasser zu liegen und in den Himmel zu schauen, während die Wellen uns hin und herschaukeln. Und plötzlich, noch ehe man sich versieht, haben uns eben diese Wellen, die gerade noch so bedrohlich wirkten, an einen wunderschönen Strand getragen oder zu einem schillernden Delphin.

Um diesen inneren Stab stabil zu halten, kann es ebenso wichtig sein, ein Tagebuch zu führen in dem man über sich und seine Empfindungen, Veränderungen und Erkenntnisse sinniert. Dies hilft, um sich selbst nahe zu kommen und somit von Zeit zu Zeit mehr in sich zu ruhen.

Im Körper zuhause sein

Auch hilft es, sich im Körper eine Art Nest zu bauen, ein Zuhause, zu dem man jederzeit zurückkehren kann: soll heißen, Gefühle und Anspannungen im Körper zu lokalisieren und ein Contianment herzustellen, wie Peter Levine es ausdrückt, einen Raum wo Gefühle und Emotionen aushaltbar sind. Dies schafft man Stück für Stück, durch regelmäßiges Sitzen früh und abends je 10 Minuten, in dem man nur fühlt und zulässt und annimmt und atmet. Wenn es sich unerträglich anfühlt, kann man kurz stoppen und auf etwas Schönes, Angenehmes blicken z.B. einen Baum vor dem Fenster oder einen Strauß Blumen, um daraufhin wieder zurückzukehren zur Wahrnehmung der Körperempfindungen. Stück für Stück entwickelt sich somit eine innere Stärke, ein Raum wo die Gefühle und Emotionen sein dürfen.

 

  • Gesunder Stolz

Gesunder Stolz ist kein Narzissmus, sondern eine bedingungslose Selbstwertschätzung. Sich mit Stolz zu begegnen, stolz zu werden, der zu sein der man ist, stolz auf all die eigenen Macken und Fehler zu sein und diese mit Stolz zu tragen, ohne sich die ganze Zeit zu grämen und schambehaftet darauf zu blicken.

Wenn wir unseren Stolz wieder entdecken, nehmen wir weniger persönlich oder ärgern uns nicht wochenlang, wenn wir uns einmal im Ton vergriffen haben, sondern stehen zu unseren Verfehlungen ebenso wie zu unseren wunderbaren Seiten. Auch dies ist eine Bewusstseinsübung und geht einher mit einer unabdingbaren Selbstreflexion. Denn wenn wir uns z.B. im Ton vergriffen haben und uns danach aufrichtig entschuldigen, uns reflektieren können, wissen was in diesem Moment in uns vorgegangen ist, können wir den Stolz behalten, ohne uns wochenlang über uns selbst zu ärgern. Wir bleiben gelassen gegenüber unseren Fehlern und Launen, weil sie zu uns gehören und wir mit ihnen auf eine reflektierte Weise umgehen können.

 

  • Beständigkeit

Wir Menschen brauchen Rituale und Abläufe, die sich immer wiederholen. Zumindest ein paar, die uns einen Rahmen vorgeben, der unserem Gehirn einerseits Sicherheit vermittelt und anderseits als Energiesparmaßnahme dient, ohne permanent darüber nachdenken zu müssen, wann und wie wir uns z.B. die Zähne putzen. So können auch beständige Freundschaften, Ziele im Leben, ein beruflicher Alltag oder eine eigene Wohnung eine Beständigkeit erzeugen, die uns zu einer gewissen inneren Erdung verhelfen kann.

Wohltuende Beständigkeiten sind individuell verschieden. Manche sind ständig auf Reisen und immer an neuen Orten, aber für sie ist der Kontakt zu ihren Freunden und zu ihrer Familie eine Beständigkeit, die ihnen Ruhe und Gelassenheit vermitteln. Andere fühlen sich in ihren vier Wänden am sichersten und lieben ihren Beruf und die festgelegten Arbeitszeiten, die ihnen eine Art von Beständigkeit verleihen. Was es auch sei, Rituale und Routinen sind keineswegs langweilig und lebenszeitverschwendend. Auch hier kommt es natürlich auf die Balance an aber mit der richtigen Dosis kann Beständigkeit für weitaus mehr Ruhe und Gelassenheit sorgen.

 

  • Geschenk

Es mag herausfordernd klingen, doch wenn wir die Pandemie, das Ghosting unserer großen Liebe, der plötzliche Tod eines nahestehenden Menschen oder die schwere Krankheit als Geschenk betrachten und uns ganz bewusst Fragen dazu stellen wie: „Was ist das Geschenk dahinter? Was darf ich lernen? Welche Fähigkeit entwickelt sich durch dieses stressvolle Ereignis in mir?“, werden bereits unzählige Rädchen in unserem inneren System bewegt. Das Unterbewusstsein beginnt sofort zu arbeiten – wir müssen dafür nicht auf die große Erleuchtung warten oder jahrelang zur Psychoanalyse gehen. Meist kommt die Antwort erst nach einer gewissen Zeit in Form von plötzlichen Erkenntnissen oder Träumen.

Oft wird in der Retrospektive klar, welches Geschenk sich hinter dem stressvollen Lebensereignis verbarg: ein interessanter Mensch tritt in unser Leben, ein neuer Job öffnet Türen, ein neues Hobby oder eine neue Leidenschaft entwickelt sich, wir lernen uns selbst kennen und lieben etc. Alles was wir im Moment der Krise brauchen ist ein Stück Vertrauen darüber, dass mit den Fragen, die man sich stellt, das Unterbewusstsein alle Hebel in Bewegung setzt und ohne unser Zutun nach Lösungen und Antworten sucht. Allein das Bewusstsein darüber, dass auch das vermeidlich negative Ereignis ein Geschenk sein kann, führt uns zu mehr Gelassenheit und wenn sich dieses Bewusstsein im Außen manifestiert, erhalten wir Bestätigung und werden in der nächsten Krise von vornherein bereits ein Stück gelassener sein.

Eine Freundin hat mir einst von ihrem Großvater erzählt. Sie fragte ihn eines Tages, warum er so alt geworden ist und was sein Rezept sei. Er antwortete: „Ich habe niemals 100 Prozent gegeben!“

Was würde passieren, wenn wir uns an alle ein wenig an dieses Rezept halten würden?

 

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