Toxische Positivität - heart | spirit | vibes
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Toxische Positivität: Warum manche Menschen echte Reflexion vermeiden

In den letzten Jahren boomt die Welt der Selbsthilfe-Coaches und Online-Gurus, die versprechen, dass du dein Leben durch „positives Denken“ und „Manifestation“ verändern kannst. Einer der bekanntesten Namen in diesem Bereich ist Laura Malina Seiler – ihre Botschaften treffen einen Nerv bei vielen, die nach Orientierung suchen. Doch was passiert, wenn solche „Mindset“-Ansätze nicht zur Weiterentwicklung, sondern zur Vermeidung echter Selbstreflexion genutzt werden?

Ich habe es hautnah erlebt. Eine frühere Freundin von mir, nennen wir sie Angelika, war über Jahre hinweg in ungesunde Beziehungsmuster verstrickt. Sie suchte sich immer Partner, die entweder gesundheitliche oder mentale Probleme hatten, wurde oft verlassen und fiel dann in eine Opferrolle. Doch statt sich einmal ehrlich mit ihren eigenen Mustern auseinanderzusetzen – zum Beispiel durch Therapie –, stürzte sie sich in die Welt der „Mindset-Coaches“.

Was ist toxische Positivität?

Toxische Positivität bedeutet, dass negative Emotionen unterdrückt oder abgewertet werden, weil man glaubt, immer positiv denken zu müssen. Es geht dabei nicht um eine gesunde, optimistische Lebenseinstellung, sondern darum, dass echte Gefühle wie Trauer, Wut oder Frustration keinen Raum bekommen.

Toxische Positivität – Beispiel aus dem Alltag

Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich Angelika von einer schwierigen Phase in meinem Leben erzählt habe. Anstatt zuzuhören, kam sofort:

Natürlich ist Hoffnung wichtig. Aber diese Floskeln erweckten den Eindruck, dass meine Gefühle nicht berechtigt sind oder dass ich sie einfach „abschalten“ sollte. In Wahrheit brauchte ich keinen spirituellen Ratschlag – ich brauchte eine Freundin, die mich ernst nahm.

Toxische Positivität in Beziehungen

In Partnerschaften kann toxische Positivität ebenfalls problematisch sein. Wenn ein Partner seine Sorgen oder Ängste teilt, aber immer nur mit „Ach, wird schon wieder!“ oder „Denk einfach positiv!“ abgespeist wird, fühlt er sich nicht ernst genommen.

Ein Beispiel: Stell dir vor, du erzählst deinem Partner/deiner Partnerin, dass dich etwas in eurer Beziehung belastet. Anstatt sich mit deinem Gefühl auseinanderzusetzen, sagt er/sie:

Auf Dauer entsteht dadurch emotionale Distanz, weil echte Kommunikation und tieferes Verständnis fehlen. Eine gesunde Beziehung erfordert, dass sich beide Partner auch in schwierigen Momenten gegenseitig unterstützen und Gefühle zulassen.

Toxische Positivität in der Psychologie

Aus psychologischer Sicht kann toxische Positivität langfristig mehr schaden als helfen. Wer sich einredet, dass negative Gefühle keinen Platz haben, unterdrückt sie nur – und das kann zu innerem Stress, Angststörungen oder sogar Depressionen führen.

Gefühle wie Wut, Trauer oder Frustration sind nicht „schlecht“ – sie sind ein natürlicher Teil des Lebens. Sie zeigen uns, was uns wichtig ist, wo unsere Grenzen liegen und was wir brauchen. Wer sie ständig mit positiven Floskeln überdeckt, verliert den Kontakt zu sich selbst.

Der Trugschluss der toxischen Positivität

Toxische Positivität

„Du musst nur deine Energie verändern, dann wird sich alles fügen.“
„Ziehe nur positive Menschen an und trenne dich von Negativität.“
„Alles passiert aus einem bestimmten Grund.“

Solche Sätze klingen zunächst nach Ermutigung, sind aber in Wahrheit oft eine gefährliche Vereinfachung der Realität. Wer sich darauf einlässt, kann sich in eine Art geistigen Kokon zurückziehen, in dem man nicht mehr reflektieren muss. Plötzlich sind alle Probleme nur noch eine „Energiesache“ – und die notwendige Eigenverantwortung wird durch spirituelle Floskeln ersetzt.

Das Ergebnis? Echte Freundschaften zerbrechen, weil jede Kritik oder ehrliche Emotion als „toxisch“ abgestempelt wird. Tiefergehende Auseinandersetzungen mit sich selbst bleiben aus, weil es bequemer ist, sich einzureden, dass man nur seine „Vibes erhöhen“ muss.

Warum echte Gefühle wichtig sind

Emotionale Verarbeitung ist entscheidend für psychische Gesundheit. Wer sich selbst verbietet, negative Emotionen zu fühlen, unterdrückt sie nur – und unterdrückte Emotionen finden immer einen anderen Weg an die Oberfläche, oft in Form von Stress, Erschöpfung oder körperlichen Symptomen.

Toxische Positivität ist nicht dasselbe wie gesunde Positivität. Es ist okay, Hoffnung zu haben. Es ist okay, an das Gute zu glauben. Aber es ist nicht okay, sich oder anderen Menschen ihre echten Gefühle abzusprechen.

Flucht vor echter Veränderung

Was mich an dieser Entwicklung am meisten schockierte, war die Tatsache, dass Angelika sich mehr und mehr von realen Gesprächen distanzierte. Als ich irgendwann offen ansprach, was mich in unserer Freundschaft verletzte und was ich mir wünsche, bekam ich nur noch Abwehr:

Diese Art der Kommunikation hinterließ hunderte Fragezeichen – doch genau das ist der Punkt: Wer sich nicht mit echten Emotionen auseinandersetzen will, schiebt andere einfach aus seinem Leben. Nicht, weil diese Menschen wirklich „toxisch“ sind, sondern weil sie unbequem sind.

Statt sich dem Gespräch zu stellen, zog sie sich einfach zurück. Und als ich nachfragte, kam nur eine knappe Antwort, die mir keinerlei Klarheit gab.

Diese Art von Rückzug ließ mich ratlos zurück. Ich hatte gehofft, dass wir erwachsen über unsere Freundschaft sprechen könnten, aber sie wählte den einfachsten Weg: Sie beendete die Kommunikation, ohne mir eine echte Antwort zu geben. Das ist typisch für Menschen, die toxische Positivität als Schutzmechanismus nutzen – sie vermeiden jede Form von Konflikt oder echter Auseinandersetzung mit ihren Emotionen.

 >> siehe auch „Spiritual Bypassing“

Heute wünsche ich ihr, dass sie Verantwortung für ihr eigenes Verhalten übernimmt. Denn früher oder später schließt sich der Kreis: Wer sich ständig hinter spirituellen Floskeln versteckt, wird irgendwann mit der Realität konfrontiert – ob er will oder nicht.

Fazit: Spiritualität ist kein Ersatz für Selbstreflexion

Natürlich gibt es wertvolle spirituelle Ansätze, die Menschen helfen können, sich weiterzuentwickeln. Aber wenn „Mindset-Coaching“ dazu genutzt wird, um unangenehme Wahrheiten zu verdrängen und sich vor Verantwortung zu drücken, wird es problematisch.

Echte Entwicklung erfordert Mut:

Wenn du also das nächste Mal jemanden sagen hörst: „Ich brauche nur positive Vibes in meinem Leben“, frag dich: Meint diese Person wirklich Wachstum – oder flieht sie nur vor sich selbst?

Linda
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